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„Und was studierst du?“ – Nietzsche und die Legitimation der Geschichtswissenschaft

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Jeder Student der Geschichte wird unzählige Male während seines Studiums gefragt: „Und, was wirst du dann damit?“ Meist folgt hier ein ahnungsloses Achselzucken, ein ironisches Ausweichmanöver oder ein Vortrag über die beruflichen Möglichkeiten eines Historikers. Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage: Warum studierst du nicht etwas Richtiges? Etwas mit Hand und Fuß, etwas mit einer klaren Perspektive! Zwar wird meist die Attraktivität der Geschichte anerkannt (Ja, dafür habe ich mich auch schon immer interessiert!), zugleich aber die Geschichtswissenschaft im Bereich des süßen Überflusses verortet – kann man machen, ist auch schön, aber eigentlich braucht man das nicht.

Ist Geschichtswissenschaft also eine Patek Philippe der Gesellschaft? Etwas, das niemand wirklich braucht, aber als schönes Accessoire mitgeschleppt wird?

Natürlich nicht! Aber warum ist Geschichte nun für so viele Menschen wichtig? Warum entscheiden sich jedes Jahr tausende Menschen dafür Geschichte zu studieren?

Die Antwort ist kurz: Weil der Mensch nicht vergessen kann. Wohin uns die Zeit auch wirft, überallhin begleitet uns unsere Vergangenheit. Dadurch, dass wir diese immer wieder neu begreifen, schaffen wir uns ständig neue Hintergründe. Dies gilt für Individuen genauso wie für Gruppen. Jeder konstruiert mit diesen Hintergründen Sinn und Identität für sich als Individuum und für sich als Menschen. Daraus folgt, dass die Sinngebung der Vergangenheit eine anthropologische Grundkonstante sein muss. Wir beschäftigen uns also nicht aus freiem Willen mit Geschichte, nein, wir folgen unserem menschlichen Trieb zu mehr Wissen über sich selbst. Letztendlich geht es um die Frage: „Warum sind wir, wer wir sind?“ In der Geschichtsschreibung wird diese Frage historisiert und mit „So wurden wir, wie wir waren“ beantwortet. Alles Gute, Schöne und auch alles Schreckliche und Widerwärtige, was die Historiker beschreiben, fügt unserem anthropologischen Grundverständnis nur eine weitere Facette zu.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich nun ein Vergangenheitsumgang, der den Anspruch einer Wissenschaft hat. Zweifellos war diese Verwissenschaftlichung ein großer Schritt zur Legitimation des dauernden Nachdenkens über Geschichte. Wissenschaft ist per Definition ernsthaft und ernst zu nehmen – wer Wissenschaft betreibt vertut zumindest nicht seine Zeit, auch wenn er sich mit Orchideenthemen der Alten Geschichte beschäftigt, denn gerade das Arkane der Themen bestätigt gerade die Notwendigkeit für Wissenschaftler und Wissenschaftlichkeit.

Kann aber ein kollektives Sinngebungsverfahren überhaupt wissenschaftlich sein? Nach Friedrich Nietzsche nicht. In seinen zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ beschäftigte er sich mit dieser Frage und den Auswirkungen der Wissenschaftlichkeit auf die Geschichte. Für Nietzsche war Geschichtswissenschaft ein schlimmes Problem, er stellte fest, dass seine Zeitgenossen an der „historischen Krankheit“ litten. Dies hatte mehrere Gründe.

Zum einen war der wissenschaftliche Anspruch auf Objektivität für ihn eine Selbsttäuschung. Wahre Objektivität würde wahre Erkenntnis voraussetzen, welche für Nietzsche unmöglich war. Die Geschichtswissenschaft aber verleugne das Subjekt hinter der Wissenschaft und suche nach allgemeinen Gesetzen des Weltverlaufs.

Ein weiterer Kritikpunkt war die Lebensferne der Geschichtswissenschaft. Sie würde zu einer Ansammlung schwerer Wissenssteine führen, die das Individuum übersättigen und vom wahren, erfüllten Leben abhalten. Es scheine geradezu, „als wäre die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, dass nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen.“ Wissenschaftliche Geschichtsschreibung hilfe nicht das „Elend des modernen Menschen“ zu lindern.

Nietzsche antizipierte auch die Legitimationsprobleme der Geschichtswissenschaft in der modernen kapitalistischen Gesellschaft. In „wissenschaftlichen Fabriken“ würden Wissenschaftler zu „Legehennen“, für welche publizieren zum Selbstzweck werde. Wer den wissenschaftlichen „publish-or-perish“ Betrieb kennt, kann über eine solche prophetische Gabe nur staunen.

Nun hat sich die moderne Geschichtswissenschaft Nietzsche zu Herzen genommen und festgestellt, dass auch Klio dichtet und ein Anspruch auf Objektivität und empirischer Wissenschaftlichkeit schwer zu verteidigen ist. Diverse turns später bleibt wenig übrig von historischen Notwendigkeiten und Wahrheitsfindung. Doch was ist mit dem „Elend des modernen Menschen“? Ist die Geschichtswissenschaft auch für dies zuständig?

Der anhaltinische Pferdefreund gibt den modernen Menschen zumindest drei Wege der Geschichtsschreibung mit auf den Weg: Die monumentalische, welche sich auf das Schaffen der Großen Köpfe konzentriert, sodass sie sich ungestört vom „muthwillig lärmenden Gezwerge“ von den Gipfeln der Zeit zurufen können. Die antiquarische Geschichte, welche versucht, die Vergangenheit so gut wie möglich zu erkennen und aufzubewahren. Sie fragt weniger nach den Lehren der Geschichte, sondern möchte viel und genau archivieren. Schließlich nennt Nietzsche die kritische Geschichte, welche den aktuellen Diskurs hinterfragt und, wenn notwendig, Vergangenheiten zu „zerbricht“ um Platz für neues zu schaffen.

Diese willkürliche Unterscheidung der Historiographie kann hilfreich sein, bringt den Freund der Geschichte aber nur weiter, wenn er Nietzsches Anregung bedenkt, die Vergangenheit „nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart“ zu deuten. Was meint dies genau? Nietzsche entwirft zum Ende seiner Betrachtung die Vision einer neuen Wissensgesellschaft – eine Gesellschaft, die von Heroen des Lebens geführt wird und jugendlich einen neuen Umgang mit der Vergangenheit lernt. An dieser Vision ist viel zu kritisieren, dem heutigen Leser wird das ein oder andere bitter oder braun aufstoßen, doch auch das ist nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, dass in dieser Gesellschaft erstens das Individuum und die eigene Lust am Lernen im Zentrum stehen. Es geht darum was wir wollen, was uns interessiert, was uns weiterbringt. Zweitens wird in Nietzsches Vision auch ein neues Geschichtsverständnis propagiert. Der neue Mensch solle lernen „von neuem Historie zu treiben“ indem er sich derjenigen Geschichtsauffassung bedient, die ihm am nützlichsten erscheint um sich selbst zu erkennen.

Nun könnte man einwenden, dass wir genau dies tun. Es gibt verschiedene Geschichtswissenschaftszweige, zwischen denen wir wählen können. Doch ist dies eher eine funktionalistische Frage – wir haben den Turm des Thukydides verlassen, da wir uns auf neuen Gebieten bessere Verständnismöglichkeiten der Vergangenheit versprachen. Dass wir uns bewusst ihrer bedienen um unsere Identitäten als Menschen zu formen wird dabei oft vergessen. „Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart“ bedeutet aber gerade dies. Wir beschäftigen uns mit Geschichte, um durch den Umgang der Menschen mit ihrer Zeit mehr über uns zu begreifen. Mögen die Themen noch so kleinteilig sein, mag es in Diskussionen um winzige und für Außenstehende irrelevante Details gehen, steht das Interesse am Menschen doch über allem. Und hier liegt die Anregung, die uns Nietzsche geben kann. Ständig sollten wir uns fragen – hilft mir das, was ich gerade erforsche wirklich weiter? Die beißende Frage des „Wozu?“ muss immer mit im Raum stehen, immer mit gedacht werden. Wer diese Frage nicht für sich befriedigend beantworteten kann, betreibt entweder Brotwissenschaft oder verschwendet seine Zeit.

Wenn uns nun interessierte Zeitgenossen fragen, warum wir uns nicht mit etwas handfesterem beschäftigen, sollten wir dies als willkommene Hilfestellung nehmen. Überprüfen wir wieder einmal für uns selbst, ob uns Geschichte weiterhilft. Wenn nicht, müssen wir etwas an der Art Geschichte zu treiben ändern, oder es für uns beenden. Wir müssen Geschichte wollen und wir müssen etwas damit erreichen wollen. Es ist ein Fehler dieses Wollen zu verneinen und sich an den Rettungsring der Wissenschaftlichkeit hängen. Was wir betreiben, ist nicht mehr als die Rationalität des Irrationalen, die Fortsetzung nach der Frage des Seins mit wissenschaftlichen Mitteln. Geschichte ist mehr als Überfluss oder „Dekoration des Lebens“. Geschichte ist die fundamentale Frage nach dem Menschen, so schillernd wie wir selbst. Etwas Handfestes ist es deswegen allerdings noch lange nicht.

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Written by silberredner

18. September 2012 at 16:50

So gemein:

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Written by silberredner

28. August 2012 at 21:47

The Force!

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It exists!

Written by silberredner

27. März 2012 at 10:43

Was ich unter der Dusche so denke

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Es ist gar nicht so weit bis zu meinen Füßen.

Written by silberredner

19. März 2012 at 16:37

Veröffentlicht in Allzumenschliches

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Simpel, aber witzig

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Written by silberredner

3. März 2012 at 07:47

Veröffentlicht in Allzumenschliches, Netz

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Best product placement ever!

with 2 comments

Gesehen an der S-Bahnhaltestelle Greifswalder Straße.

Written by silberredner

22. Februar 2012 at 00:01

Veröffentlicht in Allzumenschliches, Berlin

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Death from below!

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Small pride!

Written by silberredner

16. Januar 2012 at 20:04

Veröffentlicht in Allzumenschliches, Gesellschaft

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