Silber reden

Silber reden – Gold denken. Jetzt in Moldau

Archive for the ‘Geschichte’ Category

Der Semesterauftakt

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Seit dem 1. September bin ich nun tatsächlich Universitätsdozent. Das eine Rolle, an die ich mich auf jeden Fall noch gewöhnen muss.

Zu Beginn des Semesters gab es eine Feier im Belzer Theater für die Erstsemester. Das Programm hätte nicht weiter an den Interessen von Erstis vorbei geplant werden können.

Gerade spricht der Uni-Rektor Gheorghe Popa

Gerade spricht der Uni-Rektor Gheorghe Popa

Lange Reden von Universitätfunktionären, der Sozialministerin und einem Vertreter der Firma Dräxlmaier, welche eine Kooperation mit der Universität hat, handelten vom süßen Studentenleben und neuen Lebensabschnitten und so weiter. Es ist allerdings auch maßlos unfair von mir, Reden zu beurteilen, die ich nur in Ausschnitten von meiner Ansprechpartnerin zusammengefasst bekam. Dennoch schien mir der steife Rahmen und das Programm, das nur aus Reden bestand, ziemlich einlullend.

Obwohl! Zu Beginn und zum Schluss wurde die Nationalhymne gesungen (ganz schmissig):

Dann begann die erste Woche. Ich habe im Moment drei Kurse: Ein Seminar zur Geschichte und Kultur Deutschlands (bzw. der D-A-CH-L-Länder) sowie zwei Übungen zu diesem Seminar. In der Terminierung der Kurse wurde sehr auf mich eingegangen: Ich wollte meine Kurse gerne morgens und auch gerne an zwei Tagen hintereinander. Genau das habe ich auch bekommen. Unter http://orar.usarb.md/ und Profesor Teune, Jonas ist mein aktueller Stundenplan einzusehen.

Erfreulicherweise hatte ich ebenso viele Freiheiten bei meiner Semesterplanung. Ich wollte nach einer kurzen Theorieeinführung (es geht doch nichts ohne Sozialkonstruktivismus) einen Schnelldurchlauf durch die deutsch-europäische Geschichte der Moderne machen. Dies war aber wahrscheinlich ähnlich nah an den Interessen der Studierenden wie die Erstsemsterfeier, also änderte ich nach der ersten Stunde den Semesterplan etwas um. Die Theorie blieb aber. Ohne geht es einfach nicht.

Da die Studierenden im verschulten System nicht wirklich Wahlmöglichkeiten haben, sind sie in Klassen organisiert. Im Seminar habe ich zwei Klassen gemeinsam, in den Übungen sind die Klassen jeweils einzeln.

Die Studierenden sind jetzt im dritten Jahr und werden entweder Lehrerinnen oder Übersetzerinnen. Für fast alle gilt, dass sie vor ihrem Studienbeginn noch kein Deutsch konnten. Gerade wenn man dies bedenkt, ist das Können der Studierenden beeindruckend. Doch nicht nur das – bisher scheinen sie auch meine öden Theorieexkurse (Hayden White, Bourdieu, als letztes kommt Benedict Anderson) gut zu ertragen.

Wenn es so weiterläuft, wird das Semester sehr gut werden!

Written by silberredner

15. September 2014 at 08:00

Veröffentlicht in DaF, Geschichte, Kultur, Moldawien, Uni

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„Und was studierst du?“ – Nietzsche und die Legitimation der Geschichtswissenschaft

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Jeder Student der Geschichte wird unzählige Male während seines Studiums gefragt: „Und, was wirst du dann damit?“ Meist folgt hier ein ahnungsloses Achselzucken, ein ironisches Ausweichmanöver oder ein Vortrag über die beruflichen Möglichkeiten eines Historikers. Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage: Warum studierst du nicht etwas Richtiges? Etwas mit Hand und Fuß, etwas mit einer klaren Perspektive! Zwar wird meist die Attraktivität der Geschichte anerkannt (Ja, dafür habe ich mich auch schon immer interessiert!), zugleich aber die Geschichtswissenschaft im Bereich des süßen Überflusses verortet – kann man machen, ist auch schön, aber eigentlich braucht man das nicht.

Ist Geschichtswissenschaft also eine Patek Philippe der Gesellschaft? Etwas, das niemand wirklich braucht, aber als schönes Accessoire mitgeschleppt wird?

Natürlich nicht! Aber warum ist Geschichte nun für so viele Menschen wichtig? Warum entscheiden sich jedes Jahr tausende Menschen dafür Geschichte zu studieren?

Die Antwort ist kurz: Weil der Mensch nicht vergessen kann. Wohin uns die Zeit auch wirft, überallhin begleitet uns unsere Vergangenheit. Dadurch, dass wir diese immer wieder neu begreifen, schaffen wir uns ständig neue Hintergründe. Dies gilt für Individuen genauso wie für Gruppen. Jeder konstruiert mit diesen Hintergründen Sinn und Identität für sich als Individuum und für sich als Menschen. Daraus folgt, dass die Sinngebung der Vergangenheit eine anthropologische Grundkonstante sein muss. Wir beschäftigen uns also nicht aus freiem Willen mit Geschichte, nein, wir folgen unserem menschlichen Trieb zu mehr Wissen über sich selbst. Letztendlich geht es um die Frage: „Warum sind wir, wer wir sind?“ In der Geschichtsschreibung wird diese Frage historisiert und mit „So wurden wir, wie wir waren“ beantwortet. Alles Gute, Schöne und auch alles Schreckliche und Widerwärtige, was die Historiker beschreiben, fügt unserem anthropologischen Grundverständnis nur eine weitere Facette zu.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich nun ein Vergangenheitsumgang, der den Anspruch einer Wissenschaft hat. Zweifellos war diese Verwissenschaftlichung ein großer Schritt zur Legitimation des dauernden Nachdenkens über Geschichte. Wissenschaft ist per Definition ernsthaft und ernst zu nehmen – wer Wissenschaft betreibt vertut zumindest nicht seine Zeit, auch wenn er sich mit Orchideenthemen der Alten Geschichte beschäftigt, denn gerade das Arkane der Themen bestätigt gerade die Notwendigkeit für Wissenschaftler und Wissenschaftlichkeit.

Kann aber ein kollektives Sinngebungsverfahren überhaupt wissenschaftlich sein? Nach Friedrich Nietzsche nicht. In seinen zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ beschäftigte er sich mit dieser Frage und den Auswirkungen der Wissenschaftlichkeit auf die Geschichte. Für Nietzsche war Geschichtswissenschaft ein schlimmes Problem, er stellte fest, dass seine Zeitgenossen an der „historischen Krankheit“ litten. Dies hatte mehrere Gründe.

Zum einen war der wissenschaftliche Anspruch auf Objektivität für ihn eine Selbsttäuschung. Wahre Objektivität würde wahre Erkenntnis voraussetzen, welche für Nietzsche unmöglich war. Die Geschichtswissenschaft aber verleugne das Subjekt hinter der Wissenschaft und suche nach allgemeinen Gesetzen des Weltverlaufs.

Ein weiterer Kritikpunkt war die Lebensferne der Geschichtswissenschaft. Sie würde zu einer Ansammlung schwerer Wissenssteine führen, die das Individuum übersättigen und vom wahren, erfüllten Leben abhalten. Es scheine geradezu, „als wäre die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, dass nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen.“ Wissenschaftliche Geschichtsschreibung hilfe nicht das „Elend des modernen Menschen“ zu lindern.

Nietzsche antizipierte auch die Legitimationsprobleme der Geschichtswissenschaft in der modernen kapitalistischen Gesellschaft. In „wissenschaftlichen Fabriken“ würden Wissenschaftler zu „Legehennen“, für welche publizieren zum Selbstzweck werde. Wer den wissenschaftlichen „publish-or-perish“ Betrieb kennt, kann über eine solche prophetische Gabe nur staunen.

Nun hat sich die moderne Geschichtswissenschaft Nietzsche zu Herzen genommen und festgestellt, dass auch Klio dichtet und ein Anspruch auf Objektivität und empirischer Wissenschaftlichkeit schwer zu verteidigen ist. Diverse turns später bleibt wenig übrig von historischen Notwendigkeiten und Wahrheitsfindung. Doch was ist mit dem „Elend des modernen Menschen“? Ist die Geschichtswissenschaft auch für dies zuständig?

Der anhaltinische Pferdefreund gibt den modernen Menschen zumindest drei Wege der Geschichtsschreibung mit auf den Weg: Die monumentalische, welche sich auf das Schaffen der Großen Köpfe konzentriert, sodass sie sich ungestört vom „muthwillig lärmenden Gezwerge“ von den Gipfeln der Zeit zurufen können. Die antiquarische Geschichte, welche versucht, die Vergangenheit so gut wie möglich zu erkennen und aufzubewahren. Sie fragt weniger nach den Lehren der Geschichte, sondern möchte viel und genau archivieren. Schließlich nennt Nietzsche die kritische Geschichte, welche den aktuellen Diskurs hinterfragt und, wenn notwendig, Vergangenheiten zu „zerbricht“ um Platz für neues zu schaffen.

Diese willkürliche Unterscheidung der Historiographie kann hilfreich sein, bringt den Freund der Geschichte aber nur weiter, wenn er Nietzsches Anregung bedenkt, die Vergangenheit „nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart“ zu deuten. Was meint dies genau? Nietzsche entwirft zum Ende seiner Betrachtung die Vision einer neuen Wissensgesellschaft – eine Gesellschaft, die von Heroen des Lebens geführt wird und jugendlich einen neuen Umgang mit der Vergangenheit lernt. An dieser Vision ist viel zu kritisieren, dem heutigen Leser wird das ein oder andere bitter oder braun aufstoßen, doch auch das ist nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, dass in dieser Gesellschaft erstens das Individuum und die eigene Lust am Lernen im Zentrum stehen. Es geht darum was wir wollen, was uns interessiert, was uns weiterbringt. Zweitens wird in Nietzsches Vision auch ein neues Geschichtsverständnis propagiert. Der neue Mensch solle lernen „von neuem Historie zu treiben“ indem er sich derjenigen Geschichtsauffassung bedient, die ihm am nützlichsten erscheint um sich selbst zu erkennen.

Nun könnte man einwenden, dass wir genau dies tun. Es gibt verschiedene Geschichtswissenschaftszweige, zwischen denen wir wählen können. Doch ist dies eher eine funktionalistische Frage – wir haben den Turm des Thukydides verlassen, da wir uns auf neuen Gebieten bessere Verständnismöglichkeiten der Vergangenheit versprachen. Dass wir uns bewusst ihrer bedienen um unsere Identitäten als Menschen zu formen wird dabei oft vergessen. „Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart“ bedeutet aber gerade dies. Wir beschäftigen uns mit Geschichte, um durch den Umgang der Menschen mit ihrer Zeit mehr über uns zu begreifen. Mögen die Themen noch so kleinteilig sein, mag es in Diskussionen um winzige und für Außenstehende irrelevante Details gehen, steht das Interesse am Menschen doch über allem. Und hier liegt die Anregung, die uns Nietzsche geben kann. Ständig sollten wir uns fragen – hilft mir das, was ich gerade erforsche wirklich weiter? Die beißende Frage des „Wozu?“ muss immer mit im Raum stehen, immer mit gedacht werden. Wer diese Frage nicht für sich befriedigend beantworteten kann, betreibt entweder Brotwissenschaft oder verschwendet seine Zeit.

Wenn uns nun interessierte Zeitgenossen fragen, warum wir uns nicht mit etwas handfesterem beschäftigen, sollten wir dies als willkommene Hilfestellung nehmen. Überprüfen wir wieder einmal für uns selbst, ob uns Geschichte weiterhilft. Wenn nicht, müssen wir etwas an der Art Geschichte zu treiben ändern, oder es für uns beenden. Wir müssen Geschichte wollen und wir müssen etwas damit erreichen wollen. Es ist ein Fehler dieses Wollen zu verneinen und sich an den Rettungsring der Wissenschaftlichkeit hängen. Was wir betreiben, ist nicht mehr als die Rationalität des Irrationalen, die Fortsetzung nach der Frage des Seins mit wissenschaftlichen Mitteln. Geschichte ist mehr als Überfluss oder „Dekoration des Lebens“. Geschichte ist die fundamentale Frage nach dem Menschen, so schillernd wie wir selbst. Etwas Handfestes ist es deswegen allerdings noch lange nicht.

Written by silberredner

18. September 2012 at 16:50

Für ein Museum des Kalten Krieges in Berlin

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Im Moment gibt es in Berlin eine Diskussion über die Errichtung eine Museums des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie.

Die Geschichtspolitikgruppe der Piraten (deren Mitglied ich bin) unterstützt das Vorhaben eines Museums – denn zwar gibt es in Berlin einige Museen die sich mit Geschicht befassen, aber keines, dass einen übergreifenden Ansatz hat.

Ein neues Museum sollte die Sichtweisen beider Seiten vorstellen; wer nur aus der westlichen Perspektive denkt, wird den Kalten Krieg niemals wirklich verstehen können.

Die Musemskonzeption von Konrad Jarausch, Christian Ostermann, Manfred Wilke und Winfried Heineman aus dem Jahr 2010 ist darum richtig:

Ein neues Museum könnte eine Verteilerfunktion für die anderen, spezialisierteren Museen in Berlin übernehmen

Ein neues Museum sollte nationale Beschränkungen auflösen

Ein neues Museum sollte Zeitzeugen mit Oral History einbinden

Gerade die Piraten können sich für ein post-ideologisches Museum stark machen, ein Museum, dass beide Seiten ernst nimmt und so einen Ort der Trennung der Welten zu einem Ort der historischen Begegnung macht.

Written by silberredner

16. Mai 2012 at 19:31

Köszönöm Fidesz!

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Der vormalige Platz der Republik ist nun der Johannes-Paul-II.-Platz.

Written by silberredner

2. April 2012 at 19:33

Meine B.A.-Arbeit

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Gestern habe ich meine Bachelorarbeit abgegeben und werde mich wohl bald mit dem hässlichsten aller Titel schmücken können: Bachelor…

Wie dem auch sei, für die winzige Minderheit die es interessieren könnte habe ich hier meine B.A.-Arbeit mit dem griffigen Titel: „Vom Sowjetvolk zur Explosion der Identitäten. Zur Identitätsentwicklung der Volga-Tataren und Kalmyken in den 1960er und 1990er Jahren“ hochgeladen.

Sie ist wahrlich nicht gut geworden. Wie eine Dozenten meinte: Das hätte sie sich schon nach meinem Vortrag gedacht. Hm.

Nun, hier ist sie meine: B.A.-Arbeit. Hier klicken um zu öffnen.

Written by silberredner

28. Juli 2011 at 17:24

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt

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„Ja Freunde ist’s nicht stets das gleiche?

Taugt zum verliebtem Zeitvertreib

Die Modepuppe nur, die reiche?

Warum nicht ein Kalmückenweib?“

Dies ist das Ende von Alexander Puschkins Gedicht „An eine Kalmückin“, in welchem es im Grunde darum geht, dass Puschkin irgendwo in der Steppe ist und Druck auf dem Kessel hat. In den 70er Jahren war es das meist rezitierte Gedicht in Kalmykien.

Written by silberredner

14. Juli 2011 at 17:38

Veröffentlicht in Gedichte, Geschichte, Gesellschaft

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Meine B.A.-Arbeit

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Für die, die es interessiert, hier der Vortrag den ich im Kolloquium über meine B.A.-Arbeit gehalten habe. Der Vortrag war ziemlich kurz, aber so gibt es auch weniger zu lesen:

In meinem Vortrag geht es um Gruppenidentität und wie sie sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Russland entwickelte. Dabei habe ich als Beispiele die Volga-Tataren und die Kalmüken gewählt, welche sich zur Zeit der Sowjetunion etwa in einem Spannungsfeld zwischen ihm

und ihm

befanden.

Die Sowjetunion zeigte eine enorme Bandbreite an unterschiedlichen Völkern. Dies ist jedoch bei einem Land, das von Polen bis an den Pazifik reicht, auch wenig überraschend.

Diese Karte zeigt die Verteilung der Ethnien in der Sowjetunion, wobei die russische Bevölkrung klar dominiert. Insgesamt waren etwa 100 Völker in der Sowjetunion offiziell anerkannt, wobei diese Liste nicht komplett ist. Sowjetische Ethnologen gingen von verschiedenen Völkern sowie von 130 gesprochenen Sprachen in der UdSSR aus.

Angesichts dieser Vielfalt ist nicht das Zerfallen der UdSSR an (teilweise) ethnischen Bruchstellen das Erstaunliche, als vielmehr die lange Lebenszeit, die dieses Konstrukt aufweisen konnte.

Dies war nicht nur die folge von Repressionen, sondern auch von der Konstruktion einer übergeordneten Identität: Dem Sowjetvolk, oder, auf Russisch, sovetskij narod. Diese Konstruktion war zwar auf der einen Seite offensichtlich artifiziell, und wurde von manchen als „fabrizierter Mythos“ beschrieben, aber auf der anderen Seite auch erstaunlich erfolgreich. So zeigten Umfragen noch Ende der 90 Jahre, dass sich ein Viertel der Bevölkerung als Sowjets identifizierten.

Leonid Brežnev beschrieb das Sowjetvolk anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Sowjetunion so:

„In den Jahren des sozialistischen Aufbaus ist in unserem Lande eine neue historische Gemeinschaft von Menschen – das Sowjetvolk – entstanden. Bei gemeinsamer Arbeit, im Kampf für den Sozialismus und in den Kämpfen für seinen Schutz wurden neue, harmonische Beziehungen zwischen den Klassen und sozialen Schichten der Nationen und Nationalitäten geboren.“

Sowjetische Theoretiker haben bei der Beschreibung des sovetskij narod folgende Merkmale hervorgehoben: Das gemeinsame Territorium, die gemeinsame Ideologie, das gemeinsame Ziel der Errichtung des Kommunismus, proletarischen Internationalismus und Sowjetpatriotismus sowie harmonische Beziehungen zwischen Klassen und Völkern. Das Sowjetvolk war also in erster Linie durch die sozialistische Ideologie definiert.

Der Anspruch, eine neue Form der Gemeinschaft errichtet zu zu haben, lässt sich auch besonders gut am Wappen der Sowjetunion erkennen.

Hier kann man einen kleinen Ausschnitt aus der Vielfältigkeit der Sowjetunion sehen, da „Proletarier aller Länder vereinigt euch“, der Wahlspruch des Landes, in den Sprachen der 15 Sowjetrepubliken auf dem Wappen steht. 15 aus 130. Dies zeigt auch klar, dass es eine Hierarchie der Nationalitäten gab, welche sich danach richtete, ob die Nationalität über eine Sowjetrepublik, eine ASSR, nur einen Oblast oder Okrug, oder auch über gar keine staatliche Organisationseinheit verfügte.

Doch das Wappen verdeutlicht noch etwas anderes. Dies ist die Dominanz der russischen Bevölkerungsgruppe in der UdSSR und natürlich in der RSFSR, der Russländischen föderativen Sowjetrepublik. Die Russen waren nicht nur die größte ethnische Gruppe in der Sowjetunion, sondern auch als einziges Volk im gesamten Staatsgebiet vertreten. Zudem waren sie durch die Dominanz in Partei und Verwaltung priviligierter als andere, vor allem kleine Ethnien. Ganz zu schweigen von der russischen Sprache, welche die Einheit des Sowjetvolks vorantreiben sollte und als Lingua Franka im gesamten Sowjetreich der Schlüssel zum sozialen Aufstieg war.

Diese russische Dominanz war auch einer der Gründe dafür, dass „russisch“ und „sowjetisch“ im Ausland austauschbare Begriffe waren.

Dies verdeutlicht ein Gedicht aus dem Jahr 1973, das gut zum Thema der letzten Sitzung passt [Powerpoint]:

“In the Tourist age, on foreign journeys

Be they Kazakh, Yakut or Estonian,

Around the globe, in all the world’s countries

Soviet citizens are called simply ‚Russian’”

Die Lage in der Sowjetunion war dagegen anders. Die Millionen von Kasachen, Georgierinnen oder Turkmeninen die sich als Sowjets definierten, sahen sich deswegen keineswegs als Russen oder Russinnen. Gerade dies war der große Vorteil der Sowjetidentität. Sie konnte parallel zur ethnischen Identität existieren.

Mit dem Niedergang der Sowjetunion verlor auch die Sowjetidentität an Attraktivität. Die Menschen suchten sich neue Identitäten und fanden diese oft in einer „Wiedergeburt“ ihrer Nationalität. Aus diesem Grund ist für das Ende der Sowjetunion auch von einer „Explosion des Ethnischen“ gesprochen worden. In meinen Augen ist dies eine verkürzte Sichtweise, da es sich eher um eine Explosion der Identitäten handelt, welche durch glasnost‘ ermöglicht wurde. Glasnost‘ bedeutete in diesem Zusammenhang eine Lockerung der Identitätsdiskurskontrolle durch das Regime, was die massenhafte Verbreitung neuer Identitätsangebote erleichterte.

Aus mir noch unbekannten Gründen entschieden sich viele Menschen bei ihrer Identitätswahl für ihre Nationalität. Dabei war Nationalismus nur ein Angebot unter anderen, wie zum Beispiel Religion. Bis jetzt habe ich noch keine befriedigende Begründung für dieses Phänomen gehört und würde mich natürlich freuen, wenn jemand hier meine Ratlosigkeit beenden könnte.

In meiner Bachelorarbeit werde ich den Wandel vom Sowjetvolk im entfalteten Hochrealsozialismus unter Brežnev zu verschiedenen Partikularidentitäten in den späten 80er und 90er Jahren untersuchen. Dabei werde ich, wie eben erwähnt, zwei Beispiele russländischer Minderheiten vorstellen. Zum einen die Volga-Tataren, zum anderen die Kalmüken. Die Tataren habe ich in einer Hausarbeit im letzten Semester behandelt, die Kalmüken stehen jetzt an.

Ich habe diese beiden Völker gewählt, weil beide an der europäisch-asiatischen Peripherie liegen, beide heute über eine kalmükische, beziehungsweise tatarstanische Republik verfügen, beide Gebiete einen erheblichen Anteil an russischer Bevölkerung aufweisen und lange Zeit Inseln ihrer Religion und Kultur in einer anders dominierten Umwelt waren. Die Tataren sind traditionell muslimisch und die Kalmüken buddhistisch geprägt. Dies ist auch schon der erste einer Reihe von Unterschieden zwischen beiden Völkern: So wurden die Kalmüken im zweiten Weltkrieg deportiert, während den Volga-Tataren ein solches Unglück erspart blieb. Bei den Tataren handelt es sich um die größte ethnische Minderheit der Russländischen Föderation während die Anzahl der Kalmüken geringer als die Einwohnerzahl Freiburgs ist.

Die Quellenlage ist vor allem für die Brežnev-Zeit für beide Völker ein Problem.  Ab den 90er Jahren erfuhren die ethnischen Minderheiten in Russland dagegen erheblich mehr Aufmerksamkeit, da die eben erwähnte „Explosion des Ethnischen“ für den Zusammenbruch der Sowjetunion verantwortlich gemacht wurde.

Das Resultat meiner Arbeit ist bisher, dass sich keine wasserdichten Aussagen über eine kollektive Identität während der Sowjetzeit machen lassen, es jedoch möglich ist, anhand der Politik des Regimes und der Traditionspflege der Bevölkerung Vermutungen über die Durchdringung der Gesellschaft mit einer Sowjetidentität anzustellen.

Es ergibt also trotz der Probleme Sinn, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, da in der Forschung bisher meist noch nicht einmal diese Vermutungen aufgestellt wurden, das Thema ist größtenteils noch unbearbeitet. Dabei kann gerade ein Vergleichender Ansatz zweier russländischer Minderheiten unser Bild über die Attraktivität der sowjetischen Identität, sowie deren Zerfall vervollständigen.

Ich werde sehr kurz den tatarischen Fall vorstellen [Powerpoint]. Die Volga-Tataren leben in der ehemaligen Autonomen Republik Tatarstan, welche zu einer souveränen Republik wurde. Tatarstan liegt, wie Sie wohl schon vermutet haben, an der Volga. Das Zentrum bildet die Metropole Kazan‘. In Tatarstan wurde in den 1960er Jahren Ölgebiete entdeckt, welche in der Folge ausgebeutet wurden und noch heute die Grundlage für den relativen Wohlstand der Region bilden.

Nationalismus blieb bis zum Ende der 80er Jahre ein Randphänomen in der tatarischen Gesellschaft. Dieser Umstand wurde von tatarischen Nationalisten wiederholt beklagt und verdeutlicht, dass die ethnische Identifikation der Tataren kaum politische Auswirkungen hatte.

Dennoch wurden die Tataren nicht vollkommen assimiliert, was unter anderem daran lag, dass der Islam für die Tataren zu einer „Ethno-Religion“ wurde, in welcher islamische Feste als tatarisch wahrgenommen wurden. Dabei persönlicher Glaube durchaus nicht notwendig, das Ritual in seiner Gruppenidentifikation war wichtiger.

Zwar brach auch in Tatarstan Ende der 1980er Jahre die Sowjetidentität zusammen und neue nationalistische Gruppen gewannen an Einfluss, jedoch konnten diese die Bevölkerung nur in geringem Maße mobilisieren.

Trotzdem wurde eine „Tatarisierung“ der Gesellschaft von einer tatarischen Elite vorangetrieben, welche sich in der Neubewertung der Rolle des Islams und einer Renaissance tatarischer Geschichte niederschlug. [Powerpoint] Ein markantes Beispiel hierfür ist die Wiedererichtung der Qul-Sharif-Moschee, welche 1552 im Zuge der russischen Eroberung des Landes zerstört wurde, also seit mehr als 400 Jahren vom Erdboden verwschunden war.

Für Tatarstan, das seit 1992 souverän ist und einen Zusammenschluss mit der Russländischen Föderation bildet, kann man von einer Ausdifferenzierung der Gesellschaft sprechen, welche sich auch an ethnischen Linien orientierte. Gerade in Tatarstan beherrschte die geselschaftliche Landschaft jedoch einer großen Toleranz, welche das Resultat des jahrhundertelangen Nebeneinander von Religionen und Ethnien in Tatarstan war. Dies ist ein erfreulicher Gegensatz zu anderen Entwicklungen auf dem Gebiet der Sowjetunion, wie zum Beispiel in Armenien, Aserbaidschan oder Tschetschenien.

Wie Sie wahrscheinlich gemerkt haben, befinde ich mich noch in einem frühen Stadium meiner Bachelorarbeit und bin für jede Anregung und Kritik dankbar.

Written by silberredner

19. Juni 2011 at 10:22

Veröffentlicht in Geschichte

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